Als TV-Star kennt Wetterprophet Jörg Kachelmann die durchschlagende Wirkung des Bildes. Sein Auftritt anlässlich der Haftentlassung letzten Freitag war die inszenierte Unschuld: Im blütenweissen T-Shirt verliess er – seinen Anwalt sprechen lassend – die Justizvollzugsanstalt Mannheim. Er umarmte rührend menschlich einen Aufsichtsbeamten. Diese Bilder liess er geschickt für sich sprechen. Ebenso wirkungsvoll war sein letzter Auftritt vier Monate zuvor gewesen. Lächelnd war er vom Gericht zum Gefängniswagen geschlendert und hatte eine einzige Kernbotschaft platziert, welche die Medien in der Folge immer wieder übernahmen: «Ich bin unschuldig.» Die zuversicht ausstrahlenden Fotos prägten in den Folgemonaten mangels Alternativen die negativ behafteten Stories rund um den «Fall Kachelmann», wenngleich das Lächeln aufgesetzt und im Kontext vielfach fehl am Platz wirkte. Immerhin: Ein Stück Zuversicht blieb in den Augen der Betrachter immer haften.
Und nach Wochen der medialen Vorverurteilung und zahlreicher Indiskretionen verschiedenster Seiten zeichneten sich Aufhellungen am Horizont ab. Der Wind in der Öffentlichkeit drehte mehr und mehr zu Gunsten Kachelmanns: Nach der flächendeckenden Vorverurteilung, gespickt mit wüsten Geschichten aus dem privatesten Bereich des Wettermannes schlugen sich renommierte Medien wie Der Spiegel und Die Zeit auf die Seite des Verdächtigten. Das Bild des gewalttätigen, perversen Frauenverführers, Liebesgauklers und Vergewaltigers rückte langsam in den Hintergrund. Ja, aus der Vorverurteilung wurde am Ende gar ein Vorfreispruch.
Dann die Haftentlassung. Jetzt hätte Jörg Kachelmann den inzwischen aufgekommenen Rückenwind nutzen können. Stattdessen fängt er eine ungeschickte, sofort durchschaute PR-Schlacht an mit dem offensichtlichen Ziel, seine Reputation aufzupolieren. Er gibt vereinzelte Interviews, bevorzugt in jenen Medien, welche ihm wohlgesinnt waren. Und er versucht auch erfolglos, die kritischen Redaktionen auf seine Seite zu ziehen. Er gibt sich klassisch bescheiden, streut sich mitunter Asche aufs Haupt und spielt das rechtschaffene Unschuldslamm und kokettiert offensichtlich mit Mails an Redaktionen, etwa an Alice Schwarzer. Moralisch freilich gibt er sich taktierend selbstkritisch. Und er beginnt, selber Kritik auszuteilen.
Kommt Jörg Kachelmanns Kampagne indessen auch tatsächlich gut an? Die Medien sind sich nicht einig. In den Schweizer Zeitungen Tages-Anzeiger/"Der Bund" meint der Reporter und Autor Thomas Knellwolf, Kachelmann kämpfe «mit Höchstaufwand und Erfolg» gegen seine Vorverurteilung. Diese Einschätzung darf bezweifelt werden. Der Litigation-PR-Experte Uwe Wolff beispielsweise glaubt nicht, dass Kachelmann sich mit seinen Interviews einen Gefallen getan hat, wie die DPA berichtet. Er meint, es wäre besser, erst einmal zu schweigen. «Das wäre ein Zeichen: Der Mann ist besinnlich und nachdenklich geworden.»
Tatsächlich schadet sich Jörg Kachelmann mit seiner PR-Offensive momentan selber. Der Krisenblog hat die Medienschlagzeilen der letzten Tage via Genios und Google ausgewertet. Das Verdikt zeigt deutlich in Richtung Sturm gegen Kachelmann. Die überwiegende Zahl der Medienberichte in Print- und Online-News hat einen negativen Einfluss auf dessen Image (siehe Grafik). Nur ein äusserst geringer Anteil der Schlagzeilen löst einen positiven Impact aus.
DIe Analyse zeigt deutlich, dass Jörg Kachelmann sich selber gegenwärtig in der Öffentlichkeit mehr schadet als nützt. Dabei scheint er sich allein auf seinen durch Fernseh- und Radioauftritte geprägten Instinkt zu verlassen. Und auf ein Heer von Verteidigern und Medienanwälten. Diese machen zwar offenbar einen guten Job in ihrem juristischen Fachgebiet, was jedoch noch lange nicht bedeutet, dass die Verteidigungsstrategie auch auf dem glitschigen öffentlichen Parkett aufgeht. Dieses stellt komplett andere Kommunikationsanforderungen an die Akteure.
Bleibt die Frage, weshalb Kachelmanns PR-Offensive ins Leere läuft? Die Antwort darauf ist komplex, hier einige Schlüsselfaktoren stichwortartig zusammengefasst:
- Das Schweigen während der Haftentlassung war ungeschickt. Dort erwarteten Medien und Öffentlichkeit nach Monaten der Stille mindestens ein Statement über die Befindlichkeit des Angeklagten. Und zwar aus dessen Munde und nicht über seinen Anwalt Reinhard Birkenstock.
- Jörg Kachelmann hätte sich den Medien und der Öffentlichkeit unmittelbar nach der Haftentlassung «stellen» sollen. Und zwar an einer Pressekonferenz für alle. So hätte er die aufgehellte öffentliche Stimmung weiter für sich nutzen können.
- Stattdessen betreibt Kachelmann jetzt Salamitaktik und füttert exklusiv einzelne Medien mit Interviews. Diese Ungleichbehandlung der Redaktionen lohnt sich nicht.
- Zuerst einen Aufsichtsbeamten umarmen und danach die Strafvollzugsanstalt übel kritisieren – das sendet ein schräges, widersprüchliches Signal.
- Generell sollte Kachelmann nicht nach dem Prinzip «Angriff ist die beste Verteidigung» kommunizieren. Damit öffnet er nur neue Fronten gegen sich und bietet neue Angriffsflächen mit jedem einzelnen Satz.
- Ausserdem führt die nun begonnene Strategie dazu, dass der «Fall Kachelmann» stets ein öffentliches Thema mit hohem Beachtungsgrad bleibt, weil der Hauptakteur selber neuen Nährstoff liefert. Das zahlt sich nicht aus, denn niemand wird dem Fall jemals etwas Positives abgewinnen können – selbst wenn der Angeklagte dereinst vor Gericht freigesprochen werden sollte. Kachelmann hätte besser einmal und für alle umfassend Stellung genommen, seine Kernbotschaften platziert, alle Fragen beantwortet – und danach wieder geschwiegen. Dadurch hätte er mindestens versuchen können, bis zum eigentlichen Gerichtsprozess etwas Ruhe in die Geschichte zu bringen.
Roland Binz (http://www.rolandbinz.com) arbeitet als Unternehmensberater in Winterthur und ist spezialisiert auf Krisen- und Rechtskommunikation. Er ist Mitglied der weltweit tätigen Crisis & Litigation Communicators‘ Alliance (CLCA, www.clc-alliance.com) und Vizepräsident des Verbandes für Krisenkommunikation.

9 Kommentare:
Tolle Analyse. Chapeau, Kollege Binz. Eines Hat Kachelmann und andere nicht begriffen: Wann immer das Wort "Kachelmann" in den Medien fällt, stellt sich auch das Wort "Vergewaltigung" in den Köpfen der Mediennutzer ein. Durch seine ungeschickte Medienauftritte schafft es Kachelmann, dass die beiden Begriffe für immer miteinander und untrennbar verschmelzen werden. Grüsse aus Berlin. Uwe Wolff
Ihre Argumentation ist sehr stringent und nachvollziehbar, aber ich bin in der Analyse von Kachelmanns Auftreten nach seiner Haftentlassung anderer Meinung. Es geht ja nicht um die Realität, sondern um die Wahrnehmung von Realität. Und da sind es nunmal genau die kleinen "menschelnden" Gesten, wie die Umarmung eines JVA-Beamten oder der Dank an Mitgefangene, die größere Wirkung haben können, als reißerische Darstellungen seines Intimlebens. Da wird schon auch registriert, dass er scheinbar gelitten hat, dass er ohne Zögern und Augenklimpern (man denke an Barschel: "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort...") seine Unschuld beteuert. Dass er sich persönlich dem Gericht stellen wird und nicht mit Schaum vor dem Mund das vermeintliche Opfer angreift. Das passt alles sehr gut in das Bild, das er von sich zeichnen will - und muss - wenn er seine gesellschaftliche Akzeptanz zurückerobern möchte. Bei Mann und Frau auf der Straße führt sein Auftreten zur Wahrnehmung: Armer Kachelmann, so ein netter Mensch musste Monate in U-Haft verbringen, weil ihm ganz übel mitgespielt wurde. (Ob das der Realität entspricht spielt dabei, wie gesagt, keine Rolle). Kachelmann hat durchaus die Chance, dass sein Name mit "Racheopfer" verbunden wird - nicht mit "Vergewaltiger". Wie im Litigation-PR-Blog schon beschrieben, gelingt das natürlich nur unter der Voraussetzung, dass er wirklich in allen Punkten freigesprochen wird.
@J. Nordlohe
Im einen oder anderen Fall mag Ihre Einschätzung zutreffen. Ich denke aber, es ist insgesamt eine etwas "romantische" Ansicht. Insgesamt, und das zeigt jahrelange Erfahrung, bleibt das Negative eher haften. Und da die Medien schon zahlreiche "private Praktiken" verbreitet haben, wird sich Herr Kachelmann nicht reinwaschen können. Naheliegend ist rechtlich ein Freispruch in dubio pro reo mangels Beweisen: Und auch da wird etwas haften bleiben. Deshalb würde ich Kachelmann zu einer zurückhaltenden und nicht emotional übertriebenen Kommunikation raten. Denn jeder Beitrag ist so oder so wieder mit Negativassoziationen verbunden.
Im übrigen: Es kommt nicht darauf an, ob der einzelne Auftritt glaubwürdig ist oder nicht. Die Auswertung oben zeigt es ja: In der Summe ist die Berichterstattung mit negativen Emotionen behaftet. Und zwar sehr überwiegend. Und das bleibt tendenziell auch in Erinnerung. Deshalb: besser jetzt möglichst keine Aktionen mehr bis zum Schuld- oder Freispruch...
@Nordlohe. Jens, ich denke, dass Kachelmann allzu klebrig ist in seinem Versuch, sich als netter Mensch darzustellen. Alleine, wenn ich schon lesen muss, dass er in einem Kloster gebetet und Kerzen angezündet hat, so ist mir das nicht nur ein Tick zu viel, sondern gleich drei Ticks. Das ist purer 08/15 PR-Kitsch. Und wenn ein Mann wie Kachelmann im Spiegel-Interview auch noch behauptet, das mutmaßliche Opfer habe gelogen (auch wenn es wahr sein sollte), so möchte ich - und wahrscheinlich viele andere auch - das garantiert nicht aus dem Mund eines Mannes hören, der Frauen reihenweise belogen hat. Solche Zitate werden ihn noch lange, lange verfolgen. Kachelmann wird in Zukunft immer mit Vergewaltigung in Verbindung gebracht werden, so wie der Duisburger Oberbürgermeister mit der Katastrophe der Loveparade. Es sind ganz einfache, simple, aber extrem widerstandsfähige Assoziationsketten, die in solchen Fällen aktiviert werden und die sich nicht so einfach unterbrechen lassen. Niemals. Etwas anderes zu glauben wäre naiv, weil es bei Kachelmann um sexuelle Gewalt geht und im Duisburger Fall um den Tod von jungen Menschen. Das geht bei den Menschen sehr, sehr tief ins Gemüt. Was Du maximal schaffen kannst, ist, dass sich die Glieder zwischen den Assoziationsstücken ganz, ganz langsam auflösen. Dazu braucht man Zeit und Ruhe und Medienferne. Das schaffst Du nicht mit einem PR-Blitzkrieg und schon gar nicht mit Gejammere über Kakerlaken und überfüllten Toiletten in der Zelle und schon gar nicht mit dieser äusserst seltsamen Fraternisierung Kachelmanns mit seinem Zellenbewohnern (die weiss derTeufel was angestellt haben mögen). Auch da ist sicherlich nicht das letzte Wort gesprochen. Auch von seinen ehemaligen "Mitbewohnern" sind noch einige, vielleicht nicht ganz so nette Erinnerungen an Kachelmann zu erwarten. Und wehe, sein Zellenmitbewohner sass wegen einer ähnlichen Anschuldigung in U-Haft. Das alleine wäre eine Sternstunde für Satiriker und Stand-Up-Comedians.
Schön, dann sind wir uns ja wieder einmal einig. Die Medien vorverurteilen, Herr Binz kommentiert nur. Bekommt dann hübsche Zustimmungen, weil Herr Kachelmann ja so "klebrig" und "unglaubwürdig ist.
Wir bekommen sofort eine Statistik und Schlagzeilen vorgesetzt, die zeigen, dass natürlich alles was Herr Kachelmann jetzt macht, falsch ist.
Ja, Herr Kachelmann hat einfach die falschen PR -Berater, nicht wahr Herr Binz?
Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten: Aber göttlicher als Gott sein zu wollen, passt genau in die unsäglichen Presseberichte der letzten drei Monate.
Ich bin schon neugierig, wann DJ Bobo, Monika Kälin oder der Papst sich zu dem Fall äussern.
Ja, ja alle Kommentare müssen durch den Blog Autor genehmigt werden, ich weiss wie das vor sich geht, ich habe einen eigenen Blog, der sich mit der Causa Kachelmann befasst! Nur bin ich nicht feige und lasse auch Kritik zu…
Gruss
@Charlyne
1. Zensur und dergleichen lohnt sich nie.
2. Mit Gott haben weder der "Fall Kachelmann" noch meine Analysen dazu auch nur das Gerinste zu tun.
3. Ja, Herr Kachelmann hat m.E. die falschen "PR-Berater", falls er überhaupt welche hat.
4. Ich mache mir kein Urteil über Herrn Kachelmann und ergreife auch nicht Partei. Sondern ich analysiere, was sich in den Medien abspielt und wie die Menschen darin wirken.
5. Wenn Sie meine Analysen und Einschätzungen zum "Fall Kachelmann" präzise lesen, werden Sie feststellen, dass diese durchaus differenziert sind.
6. Die Tipps im Krisenblog sind kostenlos - und für niemanden verbindlich. Man kann sie nutzen. Oder es sein lassen.
7. Ich liebe kritische Auseinandersetzungen! Wer nicht kritikfähig ist, kann in schwierigen Situationen auch nicht erfolgreich kommunizieren. In diesem Sinn: herzlichen Dank an alle konstruktiven und konstruktiv-kritischen Beiträge und Kommentare von Mitlesenden!
sehr interessante überlegungen. bereite mich im rahmen eines executive mba gerade auf die modulprüfung krisenmanagement/krisenkommunikation vor. mit ihren interessanten und aktuellen fallbeispielen macht das bedeutend mehr spass als mit einem trockenen lehrbuch! vielen dank. stefan grob
Die erste Instanz läuft jedenfalls schlecht und gilt als verloren. Die zweite Instanz allerdings soll erfolgreich sein, wie eine nicht repräsentative Umfrage bislang ergeben hat:
http://fachanwalt-fuer-it-recht.blogspot.com/
Kommentar veröffentlichen