Montag, 9. Januar 2012

Nationalbank: Willkommen im Zeitalter moderner Krisenkommunikation.

Mit dem Rücktritt von Philipp Hildebrand ist die leidige Geschichte der Schweizerischen Nationalbank rund um die «Dollar-Affäre» noch lange nicht zu Ende. Es ist das eindrücklichste Beispiel dafür, dass Krisenkommunikation nach alter Schule heute ins Verderben führt. Am Anfang stand die Intransparenz. 


Ein bisschen Lobbying, ein paar mediale Exklusiv-Ablenkungsmanöver starten, selber lange schweigen und abwarten, dann ein wenig in die Offensive gehen, am Schluss bei vollem Druck salamitaktisch alle Karten auf den Tisch legen, wenn es schon zu spät ist. Und fast vergessen: Mit Anwälten drohen. So sehen die typischen Muster der «Old School»-Krisenkommunikation aus, welche regelmässig hochrangige Akteure zum Rücktritt bewegen. Nach einem mehr oder minder gravierendem, vorangehendem Verhalten natürlich. Zum Rücktritt, der ex ante betrachtet nicht notwendig wäre – und ex-post, weil man ja nachher schlauer ist, nicht notwendig gewesen wäre.


So erging es auch Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand. Er ist heute zurückgetreten. Seine Hauptbegründung: Die beschädigte eigene Glaubwürdigkeit lässt eine Ausübung seines Amtes nicht mehr mit voller Kraft zu. Es war nochmals ein guter Auftritt mit einer äusserst gescheiten und logischen Argumentationskette. Völlig nachvollziehbar. 


Doch bei nüchterner Beurteilung führt die Geschichte wieder an den Anfang zurück. Philipp Hildebrand ist nicht gescheitert in den letzten Tagen, in denen er souverän und solide argumentiert, breit überzeugt hat. Er scheiterte an den zwei Wochen zuvor. Ursache für den nicht mehr wettzumachenden Glaubwürdigkeitsverlust ist das lange Schweigen der Nationalbank und ihres Präsidenten seit der völlig missratenen Initialkommunikation am 23. Dezember. Diese war national wie international der Nährboden für Spekulationen, Verunsicherung und «Enthüllungen». Mit jedem Tag des neuen Jahres litt die Glaubwürdigkeit massiv. Erst auf medialen Druck wurden die Fakten tatsächlich offengelegt, Transparenz geschaffen. Da war es – wie befürchtet – schon zu spät. Der bereits eingetretene Vertrauensverlust verhinderte einen Sieg der Fakten, die an Beweiskraft verloren hatten. Auch wenn es die Verantwortlichen ungern hören: Das war Salamitaktik, ein tiefer Schnitt ins eigene Fleisch. 


Hätte man der Meute von Anfang an die ganze Salami hingeworfen und reinen Wein eingeschenkt, hätten nicht so viele Köche die Suppe heissgekochen. Die meisten Angriffe wären elegant ins Leere gelaufen. Aber so, so stehen die Hauptakteure am Ende nach viel guter Arbeit mit abgesägten Hosen da, weil sie mit der vollen Wahrheit nur scheibchenweise und unter Druck rausgerückt sind. Es riecht zumindest nach Vertuschung und Lügen. Das erträgt es heute nicht mehr.


Nun tragen jene den politischen Sieg davon, die offensichtlich lügen (Blocher) und eine Kampagne gegen die SNB fahren (Weltwoche). Das ist staatspolitisch sehr bedauerlich und dürfte noch viel zu reden geben. Eine von Beginn weg strategisch optimierte Kommunikation hätte niemals den aggressiven, polemisch argumentierenden Gegnern so offen in die Hand spielen dürfen. 


Nationalbank wird noch lange unter der Affäre leiden.
Eine Illusion wäre es zu denken, mit dem Rücktritt Philipp Hildebrands werde nun Ruhe einkehren bei der Nationalbank. Der Bankrat muss nun unter Argusaugen zunächst seine Hausaufgaben machen, faktisch bezüglich strengerer interner Richtlinien, aber auch in der Kommunikationsstrategie. Auch die Bank Sarasin, die Wirtschaftsprüfer von PwC, die Eidgenössische Finanzkontrolle, der Bundesrat mit Eveline Widmer-Schlumpf an der Spitze – und nicht zuletzt die konspirativ wirkende SVP-Führungsriege um Christoph Blocher – werden noch unzählige kritische Fragen zu gewärtigen haben.


Es werden Geschichten auf Geschichten folgen. Und jede von ihnen wird wohl oder übel direkt oder indirekt ein negatives Licht auf die Schweizerische Nationalbank werfen, abfärben. Man bedenke: Am Anfang stand die intransparente Kommunikation derselben, die auf einem heiklen Verhalten ihres Präsidenten fusste. Es ist das beste Beispiel dafür, dass Krisenkommunikation heute rein über Beziehungen, Lobbying und Spielchen hinter den Kulissen nicht mehr funktioniert. Willkommen im Zeitalter moderner Krisenkommunikation. 


www.rolandbinz.com | www.crisiscommunicators.ch

1 Kommentare:

Daniel Menna hat gesagt…

Transparenz kann grössere Schaden abwenden, indem ein kleinerer Schaden in Kauf genommen wird (die "Hosen runterlassen"). Leider sieht die Person, deren Reputation dann verteidigt wurde, nur den kleinen Schaden und glaubt, ohne Kommunikation hätte es gar keinen solchen gegeben. Denn sie steht mit "heruntergelassenen Hosen" da. So kann eine gelungene Krisenkommunikation dann letztlich als "schlechte Beratung" aufgefasst werden. Traurig, aber wahr.