Mittwoch, 4. Januar 2012

Riskantes Spiel der Schweizerischen Nationalbank.

Die Finanzwelt blickt gebannt auf die Schweizerische Nationalbank. Deren Präsident Philipp Hildebrand gefährdet durch eine intransparente Informationspolitik in eigener Sache die Glaubwürdigkeit des Finanzplatzes Schweiz. Anstatt mit professioneller Krisenkommunikation Vertrauen zu schaffen, destabilisiert sich die Nationalbank durch Intransparenz selber und richtet mehr als nur Imageschaden an. Was könnte sie besser machen?


Tages-Anzeiger, 31.12.2011
Am Silvester feierte der Tages-Anzeiger den Nationalbank-Präsidenten Philipp Hildebrand als «Schweizer Rockstar der Eurokrise». Er wirke "kompetent, souverän, seriös und cool". Vier Tage später sieht die Welt anders aus. Die ganze Finanzwelt schaut inzwischen gebannt, welche seltsamen Dinge am Bundesplatz 1 in Bern vor sich gehen (FAZ: «Der Notenbankchef und das liebe Geld»). Grund genug, einen genauen Blick auf die aktuelle Kommunikation der Schweizerischen Nationalbank (SNB), dessen Präsidenten sowie das involvierte Umfeld zu werfen.


Die Mitteilung des Bankrats.
Wohl im Wissen um die Brisanz und um einem «Enthüllungsskandal» zuvorzukommen, tat die SNB am 23. Dezember 2011 einen überraschenden, aber wichtigen Schritt in die Offensive. Sie lancierte die Geschichte selber mit einer Medienmitteilung unter dem Titel «Gerüchte gegen den Präsidenten des Direktoriums erweisen sich als haltlos. Bankrat schliesst Untersuchung ab.» Da war von zwei Dollarkäufen in der Familie von SNB-Präsident Hildebrand vor Einführung des Mindestkurses die Rede, welche jedoch «vollumfänglich den reglementarischen Anforderungen entsprechen». Untersuchung abgeschlossen, Ende der Geschichte – dachte die Nationalbank. Doch was als Offensive gut gemeint war, erweist sich bei näherer Betrachtung als inhaltlich unausgereifte Strategie:


1. Die Mitteilung der SNB war unvollständig und deshalb nicht geeignet, weiteren Enthüllungen präventiv zuvorzukommen. So blieben einerseits die Dollarbeträge, um welche es sich handelte, unerwähnt. Ebenso grosszügig wurden die späteren Franken-Rückkäufe, aus denen die Familie Profit erzielen konnte, ausgelassen. Die angedeuteten «Gerüchte» wurden nicht im geringsten erklärt und warfen zusätzliche Fragen auf.


2. Die Mitteilung der SNB versucht den Eindruck zu erwecken, dass es sich um eine Kleinigkeit handelte. Inzwischen ist bekannt, dass die Familie Hildebrand im Oktober einen mutmasslichen Währungsgewinn von immerhin 61'000 Franken erzielte. Das wäre alles schön und legitim, wenn es sich nicht um Transaktionen handeln würde, welche über das gemeinsame eheliche Privatkonto des Nationalbank-Präsidenten abgewickelt wurden. Der Verdacht des Insiderwissens wird nicht widerlegt.  


3. «Untersuchung abgeschlossen, kein Missbrauch von privilegierten Informationen». Diese Botschaft mag faktisch zutreffen. Hingegen erklärt die SNB-Mitteilung mit keinem Wort, weshalb der Bankrat zu diesem Schluss kam. Ein derartiger «Persilschein» wirkt niemals glaubwürdig, wenn er für Aussenstehende – sprich Medien und Öffentlichkeit – mangels Begründung nicht nachvollziehbar ist.


Insgesamt darf man die Kommunikationsoffensive der SNB als "netten Versuch" werten, die brisante Geschichte im Keim zu ersticken. Eine effektive Krisenkommunikation erfordert jedoch von Beginn weg volle, nachvollziehbare Transparenz, welche bis heute durch die Nationalbank und Philipp Hildebrand nicht hergestellt worden ist. Stattdessen wirft die SNB mit ihrer Kommunikation mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Eine fatale Strategie.


Klammer: Unter Druck kommen dürfte in einer späteren Phase auch der Direktor der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK). Kurt Grütter hat den Persilschein höchstpersönlich mitunterzeichnet — und verteidigt ihn aktuell in Stellungnahmen gegenüber Medien


Die weiteren Enthüllungen – und das Schweigen.
NZZ Online, 1.1.2012
Es folgte, was bei unvollständigen Informationen immer folgt: weitere Enthüllungen. Zunächst gingen die Medien instinktiv den Fragen nach, welche die SNB in ihrer Mitteilung aufwarf, aber nicht beantwortete («Mr President, alles o.k. mit dem Dollar-Deal?»). Es war der Beginn eines Schweigens, das nun bereits zehn Tage anhält. Es folgten weitere Hintergründe und Spekulationen zum Datendiebstahl, bei denen letzten Sonntag SVP-Stratege Christoph Blocher in den Fokus rückte («Blochers fragwürdige Rolle»). Offensichtliche Absicht der Nationalbank-Strategen ist es, den Datendiebstahl in den Vordergrund zu rücken – ein Ablenkungsmanöver, das sich als wenig wirksam erweisen wird. 


Die Stellungnahme von Kashya Hildebrand.
10vor10 vom 03.01.2012
In dieselbe Richtung zielt auch der Einsatz von Kashya Hildebrand mit einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber der TV-Sendung 10vor10: «Wahrscheinlich das wichtigere Thema ist, dass jemand unsere Finanzdokumente von unserer Privatbank gestohlen hat, und dass man damit die Schweizerische Nationalbank destabilisieren will. Ich finde, dies ist ein schockierender Vorfall und ich würde gerne die Motive dahinter verstehen.» In der Stellungnahme (hier abgedruckt auf Blick.ch) zeigt sich Frau Hildebrand befremdet über den Wirbel in dieser Sache. Das mag zutreffen, ebenso ist der Datendiebstahl widerrechtlich. Doch letzteres werden die Strafverfolgungsbehörden beurteilen, nicht die Familie Hildebrand. Sehr viel glaubwürdiger wäre es deshalb, wenn Hildebrands Verständnis zeigen würden für die Fragen, welche sich aufgrund ihrer speziellen Position stellen. Würden sie Einsicht signalisieren, würde das Interesse an ihnen schwinden, Glaubwürdigkeit und Sympathie gleichzeitig steigen. Gegenangriff und Unverständnis sind in Kommunikationskrisen erfahrungsgemäss schädliche Reaktionsmuster. Sie werden dazu führen, dass die Geschäfte und das Umfeld von Kashya und Phillip Hildebrand Gegenstand weiterer Medienrecherchen werden... 


Klammer: Auch die offensichtliche Ablenkungsstrategie, überhaupt die Ehefrau in den Fokus zu rücken, wirkt eher ungeschickt angesichts der Tatsache, dass die zentrale Transaktion über das gemeinsame Privatkonto abgewickelt wurde. 


Die Intransparenz-Strategie der Nationalbank.
NZZ Online, 3.1.2012
Seit ihrer Mitteilung vom 23. Dezember 2011 sieht sich die SNB wie erwähnt mit zahlreichen Fragen konfrontiert, die sie sich selbst zuzuschreiben hat. Ins Zentrum rückte in den letzten zehn Tagen das Reglement über Eigengeschäfte des Direktoriums. Welche Richtlinien sieht es vor? Eisern hält die Schweizerische Nationalbank dieses Reglement – im Gegensatz etwa zur transparenten grossen Schwester EZB – unter Verschluss. Und sie schweigt sich zu den Richtlinien aus, welche für den Eigenhandel gelten. Das führt dazu, dass die Öffentlichkeit nicht nachvollziehen kann, weshalb der SNB-Bankrat und die EFK zum ihrem Untersuchungsergebnis kamen. Diese Intransparenz erweckt den Eindruck, es werde etwas verheimlicht und vertuscht. Die «Dollar-Affäre» droht zunehmend zum «Dollar-Skandal» zu wachsen. Und zwar hausgemacht durch die Nationalbank selber mit nicht kalkulierbaren Folgen für den Finanzplatz Schweiz. Es ist höchste Zeit, dass die SNB ihre Richtlinien publiziert – früher oder später wird sie ohnehin dazu gezwungen, wobei die Nationalbank vom Öffentlichkeitsgesetz explizit ausgenommen ist. Mit jedem Tag des Schweigens steigt jedoch das Risiko, dass die SNB politisch zur Publikation der Richtlinien gezwungen wird oder diese durch Indiskretionen ans Licht kommen – ganz zu schweigen vom inzwischen gewaltigen öffentlichen Druck. 


Die unangenehme Situation der Bank Sarasin.
Datendiebstahl bei der Bank Sarasin
In einer ebenfalls sehr schwierigen Situation befindet sich die Bank Sarasin. Als renommierte Schweizer Privatbank wurden ihr Bankdaten gestohlen, was die Dollar-Affäre vermutlich überhaupt erst ins Rollen brachte. Ein Sarasin-Mitarbeiter hatte die Kontodaten der Familie Hildebrand weitergegeben. Eine Verletzung des Bankgeheimnisses im eigenen Haus par excellence. Können Kunden der Privatbank sicher sein, dass ihre Daten sicher sind? Dieses Vertrauen muss die Privatbank mit einer guten Kommunikation gegenüber Kunden und Öffentlichkeit wiederherstellen. Einen ersten wirksamen Schritt hat die Sarasin-Direktion getan. Sie hat den fehlbaren IT-Mitarbeiter entlassen. Und sie kommuniziert den Vorfall sehr offen in einer Medienmitteilung. Sie macht auch keinen Hehl daraus, dass ihr die Sache unangenehm ist. Ein gelungenes Beispiel, wie Krisenkommunikation funktionieren kann. Entsprechend unkritisch fallen die Medienberichte aus (NZZ Online: «Bank Sarasin deckt Verbindung zu Blocher auf»). Dennoch dürfte auch sie sich noch mit weiteren Fragen, beispielsweise zu Kontrollmechanismen, konfrontiert sehen. Es ist davon auszugehen, dass die Bank Sarasin sich bewusst ist, welch wichtigen Stellenwert momentan die Kommunikation intern, gegenüber Kunden und weiteren Stakeholdern hat.


Die Lügen des Christoph Blocher.
Blocher lügt vor laufender Kamera.
Wie aus der Mitteilung der Bank Sarasin ersichtlich ist, erhielt  SVP-Nationalrat Christoph Blocher die Bankdaten bereits am 11. November 2011 zugespielt. Brandschwarz lügt Blocher in die Kamera des Schweizer Fernsehens: «Von dem weiss ich nichts.» Man stelle sich das einmal vor, dieser Mann war einmal Bundesrat und Justizminister! Gewohnt pathetisch verkündet er noch die «Zeit des Schweigens» und macht sich lustig über kritische Fragen. Dass der in die Jahre gekommene SVP-Vizepräsident an seiner eigenen Demontage arbeitet, war bereits im Kontext der Wahlen und bei der undurchsichtigen Beteiligung an der Basler Zeitung zu beobachten. Er hat definitiv die Zeit des Abgangs verpasst und leistet damit seiner Partei einen Bärendienst. Seine verspielte Glaubwürdigkeit dürfte gnadenlos auf die SVP abfärben, die spätestens nach der Wahlniederlage hätte merken sollen, dass die Zeit für einen Wechsel in der Führungsriege gekommen ist. Mit derart offensichtlichen Kommunikationsfehlern läuft die SVP mehr und mehr in eine öffentliche Vertrauenskrise, was für eine Regierungspartei, die stärkste im Land, sehr schlecht wirkt.


Das Fazit.
Es gibt eine Zeit der Transparenz. Und die ist immer im Fall von Kommunikationskrisen, wie jene um die Nationalbank und deren Präsidenten Philipp Hildebrand. Es ist bereits sehr viel Zeit verstrichen. Und mit jeder weiteren Stunde des Schweigens wird der Schaden grösser werden. Die Nationalbank bzw. Philipp Hildebrand muss jetzt unverzüglich hinstehen und alle Fakten auf den Tisch legen. Sie müssen einsehen, dass nicht der Datendiebstahl die Nationalbank destabilisiert, sondern das eigene kommunikative Verhalten. Wozu beharrliches Schweigen und desaströse Aussitzversuche im Elfenbeinturm führen, lässt sich derzeit am Bespiel des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff (Tagesschau: «Abtreten, Herr Präsident!») seit Tagen beobachten – eine Selbstdemontage aus dem Lehrbuch. Im Fall der Nationalbank geht um viel mehr als um ein Dollargeschäft der Familie des Präsidenten. Auf dem Spiel steht die Glaubwürdigkeit des Finanzplatzes Schweiz – und der Schweizer Regierung. Letztere ist nun ebenfalls gefordert, mehr zu tun als zu schweigen. Durch die ungenügende Kommunikation in den letzten Wochen ist bereits viel Schaden entstanden. Sie hat die Aufmerksamkeit der Finanzwelt geradezu angezogen. Es ist allerhöchste Zeit, dass die Verantwortlichen jetzt endlich Grösse, Führungs- und Kommunikationsfähigkeit beweisen. Oder das, was man Philipp Hildebrand noch vor wenigen Tagen attestierte: kompetent, souverän, seriös und cool auftreten. Ansonsten wird keine Ruhe einkehren.




Nachtrag
10.45 Uhr: Oft geht es schneller, als man denkt. Das ist die Folge, wenn man statt auf Transparenz auf Ablenkungsmanöver setzt: «Schwere Vorwürfe gegen Hildebrand». Ob Spekulation oder Fakt – derartige Enthüllungen sind definitiv vermeidbare Kommunikationskrisen (siehe Analyse oben). 


15.20 Uhr: Nun reagiert die Nationalbank. Sie publiziert sowohl ihre internen Richtlinien wie auch den von ihr in Auftrag gegebenen Untersuchungsbericht von PwC. Download hier. Wie auch immer die Papiere inhaltlich interpretiert werden, die Publikation erfolgt spät. Zumal gemäss PwC-Bericht gewisse Transaktionen tatsächlich heikel waren. Jedenfalls scheint der Persilschein für "PMH" nicht so weiss zu sein, wie ihn die Nationalbank am 23. Dezember 2011 verkauft hatte. Und in der Zwischenzeit – seit dem 23. Dezember 2011 bis heute – wurde sehr viel Schaden angerichtet. Dass nun Philipp Hildebrand nochmals einen Tag verstreichen lässt bis zu seiner ersten Stellungnahme, bietet nochmals Raum für Spekulationen.


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